Cocktails - Die ganz besondere Erinnerung

Unsere alltägliche Betriebsamkeit kennt immer mehr Hektik und rastloses Jagen. Erzwungene Wartezeiten erleben wir nicht mehr als Pausen für Rekreation. Es sei denn, wir haben intuitiv bei einer solchen Gelegenheit eine bekannte Weisheit genutzt, und das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden.

Vielleicht kennen wir alle ein solches Erleben. Ein Bahnhof hat uns aufgesogen. Will uns nicht wie geplant wieder entlassen. Wartezeit, der wir entfliehen wollen. Weil diese Pause nicht eingeplant war. Wir wollen das Beste daraus machen. Wir folgern: Wenn schon Pause, dann richtig – also Durst löschen. Aus dem verärgert gelangweilten schlendern wird ein mehr oder weniger gezieltes Gehen. Aus der Masse der gastronomischen Angebote können wir uns für eine kleine Oase entscheiden. Eine kleine, ruhige Bar. Bestehend nur aus Theke und Hockern.

Ich höre, wie ich die Bedienung frage, was sie Leckeres zu bieten habe. Bekomme als Antwort eine Gegenfrage. „Vielleicht einen Cocktail?“ ist das freundliche Eingehen auf meine Ziellosigkeit, um dann hinzuzufügen „darf es eine Überraschung sein?“.

Obwohl ich ja ein Reisender in einem fremden Bahnhof war, begann nun für mich ein Reisen, das weder geplant, noch kalkuliert und für mich nicht vorhersehbar war, denn ich antwortete mit einem schlichten ja. Diese Bestellung wurde ausgeführt. Wenige Momente dauerte es nur. Dann stand in einem hübschen Longdrinkglas ein pastellfarbiger Cocktail vor mir, der sofort alles zu versprechen schien, was ein ganz normaler Mensch wie ich, auf einer ganz normalen Reise, während einer nicht geplanten Pause erwarten mochte: Erfrischung in sauberer und appetitlicher Form und angenehmer Atmosphäre.

Völlig unvorbereitet traf meine Geschmacksnerven und mich dann das kredenzte Getränk. Nenne man es ein De Ja vu oder die plötzliche Bewusstwerdung längst verschütteter Erinnerungen. In meinem Kopf explodierte es. Unvermittelt war ich wie ein Zeitreisender aus dieser Zeit um Jahrzehnte in die Vergangenheit und auch örtlich völlig entrückt. Natürlich saß ich noch in dieser Bar, hielt mein Glas in der Hand und genoss den Drink. Aber ein sehr schöner Urlaub, vor Jahrzehnten erlebt, war urplötzlich auf ungewöhnlich intensive Art und Weise wieder präsent.

Alle meine Sinne hatten mit dem ersten Nippen und Schmecken plötzlich ihre Beträge geleistet. Das leise Rauschen des kristallinen Ozeans, das Konzert aus Vogelstimmen munterem aber leisem Plaudern und das Klingeln von Gläsern, die behutsam aneinander gestoßen wurden. Der Duft von Meer, tropischen Pflanzen und undefinierbarem Werden und Vergehen. Das Farbenspiel von unendlicher Weite auf ruhiger See, den sich ganz leicht wiegenden Palmen und anderer tropischer Flora.

Der für mich beeindruckendste Teil dieses Erlebnisses war aber etwas anderes. Damals als selbstverständliches Beiwerk hingenommen und ausgekostet, durchflutete mich ein überwältigendes Gefühl innerer Ruhe und  Entspannung. Wohlige Zufriedenheit und Wunschlosigkeit habe ich damals dankbar durchlebt und verspürte diese jetzt genauso wie damals.

Diesen Cocktail in meiner Hand muss ich sehr genau betrachtet haben. Die Limettenscheibe auf dem Rand, der feinweisse Schaum, die Prise mir unbekannter tiefroter Gewürze und der lange Holzspiess, der schaschlickähnlich Fruchtstücke bereit hielt. Die prächtige Vielfalt dieser Früchte schlug ohne aufdringlich zu sein jedes Klischee von tropischem Überfluss.

Richtig, ich bin ein ruhiger und kontemplativer Genussmensch. Aber ich bin kein Melancholiker. Seit diesem Erlebnis handle ich öfter mal vorsätzlich, ganz gezielt geniesse ich einen Cocktail.